GEGEN DIE GIER IM FUßBALL

Vom Geist der Spiele

“Ein Fan muss begreifen: Wenn er in Zukunft weiterhin Bundesliga sehen will, und zwar live, dann muss er die Kröte jetzt schlucken. Wenn er die jetzt nicht schluckt, dann gibt es den Fußball in dieser Form nicht mehr.”1 (Zitat Uli Hoeneß auf kicker online).
 
Seine Äußerung ist nicht sehr überraschend. Uli Hoeneß ging und geht mit der funktionärstypischen Alternativlosigkeits-Drohkulisse wie selbstverständlich davon aus, dass „ein Fan“ den Fußball in dieser Form wie er vor der Pandemie bestand erhalten möchte. Doch bei vielen Fans ist das längst nicht mehr so. Zwar ist den Fußballfans das Schlucken von angeblich alternativlosen „Kröten“ durchaus bekannt. Alle diese „Kröten“ mögen jedoch harmlos erscheinen im Vergleich zu dem was gesellschaftlich an Herausforderungen ansteht, und wie viel abseits des Fußballs noch zu schlucken sein wird.
 
Darf der Fußball nun also so schnell wie geplant wieder hochfahren und – klar mit Auflagen und Geisterspielen – das alte System wieder im alten Stil genauso weiterfahren wie vorher?
 
Er kann gar nicht anders. Und die Geisterspiele sind Ausdruck dieses systemimmanenten Drucks.
Doch immer mehr Fans stellen sich Fragen, die da lauten: Wie war eigentlich der Geist der Spiele vor Beginn der Geisterspiele? Und welchen Geist müssen die Spiele künftig innehaben, damit sie unsere Spiele und unser Fußball bleiben – und auch stärker wieder werden?
 
Wurden Verantwortliche des VfL und Spieler der Mannschaft bei früheren Stimmungsboykotten (z.B. aufgrund der Montagsspiele) nicht müde zu betonen, wie wichtig Fans im Stadion und deren Support ist, so ist davon aktuell nichts mehr zu hören.
Doch insbesondere in der Diskussion um Geisterspiele hätten wir uns solche Positionen gewünscht.
Das Ausbleiben solcher Aussagen macht deutlich worum es im Fußball – und natürlich auch bei unserem VfL – zur Zeit geht. Geld, Geld, Geld – und das Produkt muss glänzen.
„Die Liga muss das Produkt Fußball wieder verkaufen können“2 sagt der Niedersächsische Innen- und Sportminister Boris Pistorius dazu. Selbstkritik im Fußball würde er sich wünschen, sei aber aktuell für eine Genehmigung nicht erforderlich.
 
Wir sagen: Auch über den vollen Stadien der letzten Jahre schwebten die Geister, die Geister von schnellem Geld, von Gier nach Profiten und von einem System, das sich gerne verbal und medial die oft zitierte gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs als moralischen Fassadenanstrich auf ihr Bundesliga-Haus gemalt hat, bei Blicken hinter die Fassaden und durch die Gardinen aber allzu oft dicht gemacht hat.
„Rein sportlich“ spricht natürlich auch nichts gegen Trainingslager in Katar, gegen Testspiele mit RB, uvm. Aber rein sportlich gesehen, spricht auch nichts gegen einen Abbruch der Saison und einen Neustart dann, wenn auch der ganze Fußball und der ganze Sport wieder durchstarten kann.
„Dann gibt es den Fußball in dieser Form nicht mehr“? Schön wär`s.
 
Denn der Fußball kann nicht anders, als sich mit den alten Mustern über seine gesellschaftliche Verantwortung hinwegzusetzen. Frei nach Goethes Zauberlehrling: Politik hilf – die Not ist groß, die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los!
 
Die Lösung liefert die Ballade von 1787 gleich mit: Die alten Besen werden wieder in ihre Ecke gestellt und auf ihren Zweck zurückreduziert. Genau das braucht unser Fußball.
 
Der Fußball muss begreifen: Wenn er in Zukunft weiterhin seinen gesellschaftlichen Stellenwert behalten will, dann muss er die Kröte jetzt schlucken.
 
Wenn er die jetzt nicht schluckt, dann gibt es den Fußball in dieser Form nicht mehr.
 
Die Fanabteilung des VfL Osnabrück im Mai 2020
 
 
 
Weblinks:
1 Hoeneß: “Die Kröte Geisterspiele muss der Fan jetzt schlucken”
2 finanznachrichten.de: Niedersachsens Innenminister verteidigt Bundesliga-Fortführung

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